Schwarzer Donnerstag: Ein Jahr Empörung

Ein Jahr danach sind die Erinnerungen an den Schwarzen Donnerstag immer noch äußerst lebendig. Ein Bekannter schickte mir den Link zu einem Video mit den Worten „schau dir mal an, was gerade in Stuttgart los ist!“ Fassungslos schaute ich mir die brutale Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten an. Politik hatte mich nicht interessiert, von dem Protest gegen Stuttgart 21 und dem Projekt selbst wusste ich so gut wie nichts, aber zu sehen, wie hemmungslos Knüppel, Pfefferspray und Wasserwerfer gegen Mitmenschen eingesetzt werden, veränderte schlagartig meine Welt.

Die unterschiedlichsten Gefühle explodierten in mir. Zorn darüber, wie Uniformierte das Gewaltmonopol rücksichtslos missbrauchten. Trauer, Entsetzen und Mitgefühl, die Schmerzen der Opfer konnte ich an der eigenen Seele wahrnehmen. Fassungslosigkeit, wie so etwas Unfassbares ganz in der Nähe, mitten in der heilen Welt, geschehen konnte. Ohnmacht, weil ich sah, dass ich keine Möglichkeit hatte, zu helfen, den Wahnsinn aufzuhalten.

Rückblickend weiß ich sehr wohl, dass sich dieses Gefühlschaos am trefflichsten als Empörung beschreiben lässt, allein, Stéphane Hessels Buch war mir noch unbekannt.

Ich verfolgte die Ereignisse bis zum Abend, bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung. Aufgewühlt vernahm ich Rechs noch am selben Tag widerlegte Lüge von den Pflastersteinen in den Nachrichten. Was ich gesehen und gehört hatte, ließ mich nicht mehr los. Es war nicht zu ertragen, etwas musste geschehen, diese Gefühle brauchten ein Ventil. Das Schreiben eines Textes zu der Melodie vom Rauch-Haus-Song reichte nicht. Darüber sprechen auch nicht. Wohin mit dem Zorn, dem Entsetzen, der Fassungslosigkeit, der Ohnmacht – der Empörung?

Angst, selbst Opfer der Polizeigewalt zu werden, und der Drang, meine Empörung in Handlung umzuwandeln, rangen in mir, aber letztendlich fasste ich den Entschluss, zu der nächsten Montagsdemo zu gehen. Meine Vorbereitungen dafür waren – rückblickend betrachtet – weit übertrieben, aber ich ging sicher davon aus, dass es wieder zu Polizeiausschreitungen kommen würde. Ich packte nur das Nötigste ein, nichts, das schnell kaputt gehen oder verloren gehen könnte in einem Menschengetümmel. Eine Flasche Wasser, um mir die Augen ausspülen zu können, wie ich es in den Videos gesehen hatte.

Auf dem Weg zu der Demo im mittleren Schlossgarten bot mir eine Frau freundlich lächelnd eine rote Trillerpfeife an. Es fühlte sich an wie ein Empfang mit offenen Armen. Mich beeindruckte die Freundlichkeit ohne Verbitterung in den Gesichtern der vielen tausenden, die sich hier am Ort der Gewaltexzesse versammelt hatten.

Als schüchterner Mensch hatte ich Menschenaufläufe eigentlich stets gemieden. Hier stand ich nun, wenn auch etwas am Rand, und fühlte mich nicht unwohl. Gebannt lauschte ich den Reden auf der Bühne und war froh, gekommen zu sein, um meine Solidarität auszudrücken.

Der 30.09. veränderte mein Leben und meinen Blick auf die Welt. Meine Empörung hat in diesen 365 Tagen nicht abgenommen. Mein Gerechtigkeitssinn ist nach wie vor zutiefst verletzt. Kein Rücktritt, keine juristische Aufarbeitung, keine Entschuldigung, keine Entschädigung. Staatsanwaltschaft, Polizei und Politik scheinen darauf zu bauen, dass von allein Gras über die Sache wächst, wenn sie nur lange genug schweigen und dementieren.

Verantwortungslosigkeit ist noch der mildeste Begriff, der mir für ein Verhalten einfällt, bei dem aus dem egoistischen Motiv heraus, ungestraft aus der Sache herauszukommen, billigend in Kauf genommen wird, dass viele Bürger kein Vertrauen mehr in Polizei und Rechtsstaatlichkeit empfinden können. Als gesellschaftliche Grundlage ist aber eben dieses Vertrauen in alle drei Gewalten unabdingbar.

Ich wünsche mir Politiker, die sich allein am Wohl der Menschen orientieren, Polizisten, die Menschen vor Gewalt beschützen, statt solche gegen sie auszuüben, Gerichte, die Recht sprechen, auch wenn es sich bei dem Täter um einen Polizisten handelt.

Fotos meiner ersten Montagsdemo, 4. Oktober 2010:

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2 responses to “Schwarzer Donnerstag: Ein Jahr Empörung”

  1. Kai says :

    Schöner Text, danke und Grüße
    Kai

  2. Donnawetta says :

    Mit diesem Tag haben sie sich keinen Gefallen getan. Viele sind seit damals gewillt, nicht zu vergessen bzw. sich keinesfalls mehr abschütteln zu lassen, ob bei dem Thema S21 oder auch bei anderen. Die Couchzeiten sind endgültig vorbei. Danke für den sehr guten Bericht, wie du dazu gekommen bist.

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