1. Mai in Stuttgart

Der 1. Mai verlief ruhig in Stuttgart – nicht wegen, sondern trotz der Polizei.

Der Demozug, der am Marienplatz startete, war auf seine Weise ein sehenswertes Spektakel. Die unterschiedlichsten mehr oder minder linken Gruppierungen zogen gemeinsam zum Marktplatz, wo eine Kundgebung mit DGB-Chef Sommer stattfand. Unter „gemeinsam“ darf man sich jedoch eher vorstellen, dass jede Gruppe für sich zog und ihre eigenen Parolen rief, ohne die anderen zu beachten und ohne beachtet zu werden. Die einenden Klammern waren nach meinem Eindruck nur die überwiegend roten Fahnen und der Tagesanlass als solcher.

Im Anschluss an die Gewerkschaftskundgebung, bei der auf Nachrichtentauglichkeit getrimmte markige Worte zum Besten gegeben wurden, die auf die Schnelle begeistern, aber ebenso schnell wieder verpuffen, fand auf dem Schlossplatz die revolutionäre 1. Mai-Demo statt.

Von Anfang an gab es eine unangenehm massive Polizei-Präsenz, teils auf den ersten Blick sichtbar in unmittelbarer Nähe der Demonstrations- teilnehmer, teils verborgen in den Nebenstraßen. Als die etwa 700 Menschen sich hinter dem Lautsprecher- wagen auf den Weg machten durch die Stuttgarter Innenstadt, war die Demoroute zu beiden Seiten gesäumt von Polizisten. Es baute auch nicht gerade Vertrauen in ihre guten Absichten auf, dass sie zum Teil die Hände bereits an den Schlagstöcken hatten, Kanister auf dem Rücken trugen (Löschmaterial? Tränengas?) und angriffslustig unter ihren Helmen hervorlugten.

Die Parolen waren laut und kämpferisch („A – anti – anticapitalista„, „hoch die inter-/anti-nationale Solidarität„, „Staat – Kapital – Scheiße„), aber es gab keinerlei Rechtfertigung für das martialische Auftreten der so- genannten Ordnungs- hüter. Eine junge Frau wurde von einem der Beamten grob zurückgestoßen, als sie versuchte, den Demozug zu verlassen. Je weiter der Demozug vorankam, desto dichter und aufgeregter wurden die Reihen der Uniformierten. Kurz vor einer Zwischenkundgebung zwängten sie die Demonstranten in ein enges Spalier, was einer entspannten Stimmung nicht gerade förderlich war, woran auch nichts änderte, dass sie die Helme wieder absetzten.

Zu diesem Zeitpunkt gab ich mich fürs erste geschlagen – es braucht eine gute Kondition, um Schritt zu halten mit dem flotten Tempo, dass die Demo an den Tag legte. Und es braucht Nerven wie Drahtseile, um nicht nervös zu werden, angesichts einer Übermacht von aufgeheizten Polizisten, die eine offensichtliche Eskalationsstrategie fahren. Wer nur Anti-S21- und Anti-AKW-Demos in seinem Erfahrungsschatz hatte, bekam an diesem Tag eindringlich vorgeführt wie gut es um die „Versammlungsfreiheit“ hierzulande bestellt ist, wenn man eine radikalere Ansicht vertritt. Für mich ist ein Auftreten der Polizei wie an diesem Tag schiere Abschreckung, Einschüchterung und Provokation. Und ich ziehe vor jedem den Hut, der davor nicht kapituliert und weiter auf die Straße geht.

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