Polizeistadt Barcelona

Bei ihrem „verdeckten“ Einsatz anlässlich der Demonstrationen am 1. Mai in Barcelona, trugen die Mossos d’Esquadra auffällige neongelbe Armbänder, die sie trotz Zivilkleidung eindeutig als Polizisten auswiesen. Über das Internet verbreiteten sich schnell Fotos und Videos von den wenig vertrauenerweckenden Gestalten:

Vorbereitung auf Einsatz direkt neben der Wanne
Foto von pacamarta@twitpic



Vertrauenerweckend, nicht wahr?
Foto von mmedinillas@twitter

Deeskalation à la Mossos
Foto von mikelpascual@twitter

Beamten in zivil werden von Demonstranten verjagt:

Einen Tag nach dem Einsatz beschwerte sich laut La Vanguardia die Gewerkschaft dieser katalanischen Polizei-Einheit beim Innenministerium darüber, dass sie gezwungen wurden, diese verräterischen Armbänder zu tragen. Ihrer Meinung nach, seien sie damit einer enormen Gefahr ausgesetzt gewesen, von Demonstranten angegriffen zu werden.

Ich frage mich im Stillen, warum ihnen diese Markierung auferlegt wurde. An „Transparenz“ als Beweggrund, wie ihn Manel Prat, Generaldirektor der Mossos, anführte, mag ich nicht so recht glauben. Vielleicht haben sie sich bei ihren Provokationen in der Vergangenheit zu oft gegenseitig angegriffen, weil sie ihre Kollegen nicht erkannten? 😉

Wie dem auch sei – in derselben Woche bekamen die Mossos noch Verstärkung. Der Gipfel der Europäischen Zentralbank tagte in Barcelona und 8000 (!) Polizisten belagerten die Stadt, Scharfschützen wurden auf Dächern von Gebäuden postiert und sogar das Schengen-Abkommen vorübergehend außer Kraft gesetzt. Nachzulesen im Detail auf Telepolis.

Studentendemo zwischen Palmen
Foto von acamapadbcn@twitter

Eine Demonstration von mehreren tausend Studenten gegen höhere Studiengebühren und Kürzungen im Bildungs-Sektor verlief glücklicherweise trotz der massiven Polizei-Präsenz ruhig und friedlich (Bericht auf Euronews).
Die Angaben zu den Teilnehmerzahlen schwanken zwischen 7.500 (Polizei) und 20.000 (Veranstalter). Auf dem Front-Banner stand in katalanisch „Weder Gebührenerhöhungen noch Entlassungen. Wir retten die öffentliche Universität.“ (siehe Foto rechts oben)

Video von der Studentendemo:

Die Paranoia der Regierung ist aber auch im Rest Spaniens nicht geringer: wegen der geplanten Neuauflage der Acampadas vom 12. bis zum 15. Mai, überwacht eine auf Terrorismusbekämpfung spezialisierte (!) Sondereinheit der Polizei die – wie 20 minutos berichtet – „Anführer von 15M“. Ihnen ist bewusst, dass es bei einer horizontalen Bewegung wie 15M keine Anführer gibt, aber sie überprüfen in sozialen Netzwerken wie Facebook, Tuenti und Twitter die „aktivsten Schreiber, die am meisten zu den Versammlungen aufrufen.“

Ab wann genau darf man offiziell von einem Polizeistaat sprechen?

Nachtrag 10. Mai 2012 | Ein weiterer Bericht: „Spanien: Barcelona im Belagerungszustand während EZB-Gipfel“Global Voices Online.

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3 responses to “Polizeistadt Barcelona”

  1. uhupardo says :

    Die Abschlussfrage ist einfach zu beantworten. Wenn es sich um ein – aus welchen Gründen auch immer – unliebsames Regime handelt, ist es ein Polizeistaat. Passieren solche Dinge innerhalb der EU, sind sie nur dazu gedacht, Sicherheit und Ordnng zu garantieren. Das ist der einzige Unterschied.

    Wie wäre wohl kommentiert worden, würde so etwas in Nordkorea, Russland oder in der Ukraine passiert?
    http://uhupardo.wordpress.com/2012/05/03/diktatur-spanien-ausweisung/

    • bodenfrost says :

      Eine präzise, zutreffende und wohl eben deshalb desillusionierende Antwort. Den Bericht über die Ausweisung hatte ich auf deinem (ich bin so frei, zu duzen) Blog gelesen und bin entsetzt. Gibt es bald noch schwarze Listen für die Einreise nach Spanien?

      • uhupardo says :

        Schwarze Listen muss man nicht erfinden, die gibt es ganz sicher schon, und nicht nur für die Einreise nach Spanien. Die Kontrollen und Sicherheitsmassnahmen in Barcelona, die Tschetschenien zur Ehregereicht hätten, hatten sicher „eine solide europäische Basis im Computer“, wer wollte daran zweifeln.

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