Dystopie und Utopie: Blockupy Frankfurt 17.05.2012

Frankfurt ist derzeit eine belagerte Stadt. Die 5000 Einsatzkräfte sind nicht zu übersehen. Polizeifahrzeuge parken in langen Schlangen am Straßenrand, in kleineren Ansammlungen auf verschiedenen Plätzen, stehen Stoßstange an Stoßstange, um Straßen abzuriegeln. Das Gebiet um die Europäische Zentralbank ist großflächig gesperrt und die Straßensperren werden bewacht. Polizeieinheiten patroullieren durch die Innenstadt, fangen potentielle Demonstranten am Bahnhof ab, untersuchen Rucksack-Inhalte, führen Ausweiskontrollen durch, fragen ihrer Meinung nach verdächtig Aussehende nach dem Grund ihres Aufenthalts. Straßen sind auf eine Spur verengt, damit Beamte in die sich langsam vorüber quälenden Fahrzeuge schauen können. Reisebusse werden schon vor den Toren der Stadt angehalten, untersucht und die Insassen unter Androhung von Strafe wieder weggeschickt, darunter auch Journalisten.
Frankfurt ist eine Stadt, die sich selbst Paranoia verordnet hat, eine Stadt, die sich selbst in den Würgegriff genommen hat.

Frankfurt ist dieser Tage aber auch das völlige Gegenteil dieser beklemmenden Atmosphäre. Die Finanz-Metropole am Main ist Treffpunkt für die unterschiedlichste Menschen, die sich dagegen zur Wehr setzen, dass ihnen die Freiheit geraubt wird. Menschen, die den Mut fanden, „nein“ zu sagen zu einem sinnlosen und ungerechten Verbot. Menschen, die nicht hinnehmen, dass es erlaubt ist, dass Banken durch ihre Spekulationen auf Lebensmittel Elend verursachen, aber es verboten sein soll, den Protest dagegen auf die Straße zu tragen.

Der Paulsplatz bei der Paulskirche wurde stundenlang friedlich besetzt, eine Friedlichkeit, die sich auch durch die dichte Polizeikette drumherum nicht provozieren ließ. Als noch nicht einmal an diesem Ort alle Demonstranten abgeführt worden waren, fand bereits die zweite Platzbesetzung statt, auf dem nahegelegenen Römerberg.
Binnen kürzester Zeit strömten gut und gern 1000 Menschen auf den Platz, riefen Parolen wie „A- anti – anticapitalista“ und „Hoch die internationale Solidarität“, errichteten Zelte, legten Banner aus, musizierten, lachten über die Streiche der Clowns, ließen Seifenblasen in den blauen Himmel aufsteigen, setzten sich im Schneidersitz in großen und kleinen Gruppen nieder und kamen ins Gespräch miteinander.

Diese Stunden auf dem Römerberg atmeten den Geist der Puerta del Sol, wenn sich dort die spanischen Indignados versammeln, um für ihre Rechte zu kämpfen. Menschen aller Altersgruppen, aus unterschiedlichen politischen Lagern, aus vielen verschiedenen Ländern entdeckten Gemeinsamkeiten, wie die Empörung über die menschenfeindliche Austeritäts-Politik der EU, die Ablehnung des Kapitalismus im Allgemeinen oder auch einfach nur den festen Willen, die Grundrechte zu verteidigen.

Eine weitere Parallele zu den berühmten Acampadas (Zeltlager) und Asambleas (Versammlungen) in Spaniens Städten: die Menschen auf dem Platz lächelten. Allem Groll zum Trotz lächelten sie. Die Überzeugung, diese Welt wirklich zu einem besseren Ort machen zu können, wenn nur alle zusammen halten, war so greifbar, dass sich dem niemand verschließen konnte. Der Mut, offen Ungehorsam gegenüber dem System zu üben, und die Stärke, die aus der Einigkeit und Entschlossenheit einer noch so bunt zusammengewürfelten Gruppe entwächst, wurde erfolgreich auf die Probe gestellt, als die Polizei Versuche unternahm, den Platz zu räumen: gemeinsam, entschlossen und gewaltfrei behaupteten die Demonstranten ihr Recht auf Versammlungsfreiheit. Erst nach einigen Stunden, als die Teilnehmerzahl deutlich zurückgegangen war, wurde die friedliche Platzblockade von der Polizei geräumt und die Teilnehmer zum Teil unsanft weggetragen.

Diese Aktionstage von Blockupy sind gerade durch diese widersprüchlichen Erfahrungen in zweierlei Hinsicht wertvoll: Die erlebte Dystopie der polizeilichen Repression, der Macht der Banken und des Kapitals, sind Ansporn genug, sich weiter für das Gelingen einer Utopie einzusetzen. Der Erfolg des gewaltfreien Widerstands – immerhin wurden trotz Verbot beide Plätze über Stunden gehalten – zeigt, dass es sich lohnt, für seine Überzeugungen einzustehen. Auf unser Gewissen, nicht auf Befehle sollten wir hören.

Links:

  • weitere Fotos von diesem Tag auf Bodenfrost
  • „Riesiger Dank den Demonstrierenden auf dem Paulsplatz!“Grundrechtekomitee
  • „Blockupy: Polizei setzt Demonstrationsfreiheit in Frankfurt außer Kraft“Pressemitteilung des Ermittlungsausschusses Frankfurt, 17.05.2012
  • „Interview: Martin Kliehm, Piraten-Stadtverordneter im Römer, zu Blockupy“Treipgut
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3 responses to “Dystopie und Utopie: Blockupy Frankfurt 17.05.2012”

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  1. AtaSe.de-Blog Visions - 25. Mai 2012

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