Freiraumdemo Reutlingen

Die Kulturschock Zelle in Reutlingen ist in Gefahr: Ordnungsamt und Oberbürgermeisterin Barbara Bosch wollen dem autonomen Zentrum eine Gaststättenkonzession aufzwingen, um es künftig besser kontrollieren und gängeln zu können. Vorwand für diese „alternativlose“ Maßnahme sind die Unterstellungen, dass die Zelle Jugendschutzbestimmungen nicht einhalten und mit dem Getränkeverkauf Gewinn erwirtschaften würde. Auf ihrer Webseite äußern die „Zellis“ (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zelle) ihre Bedenken hinsichtlich dieser Konzession:

Durch eine Gaststättenkonzession ist dieses Konzept bedroht, eine eigenverantwortliche Arbeit wäre nicht mehr möglich. Die Konzession würde bedeuten, dass es einen Verantwortlichen geben müsste der für alles den Kopf hin hält, die Stadt uns mit Auflagen das Leben schwer machen könnte und uns die Konzession jederzeit entzogen werden könnte. (…) Als anerkannter Träger der Außerschulischen Jugendbildung ist es uns zudem untersagt ein Gewerbe anzumelden, wenn wir unseren Anspruch auf Förderung nicht verlieren wollen.
Quelle: Webseite der Zelle


Um sich gegen diesen Angriff auf einen wichtigen Freiraum zur Wehr zu setzen, veranstaltetet die Zelle am Samstag, dem 26. Mai, eine Demonstration. Nach meiner Schätzung waren es gut und gern 500 Menschen – jung und alt, bunt und schwarzgewandet – die dem Ruf nach Solidarität Folge leisteten. Das Antikonflikt-Team der Polizei war zurückhaltend, auch als der Demozug sich durch die Innenstadt bewegte, setzte die Polizei nicht auf sinnlose Provokationen und blieb weitestgehend unsichtbar.

Bei zahlreichen Redebeiträgen, am Bahnhof, wo die Demo startete, und bei den Zwischen-Etappen Marktplatz und in der Nähe des Polizeireviers, wurde klar gestellt, dass die Zelle eben keine Kneipe ist. Sie ist bereits seit 1968 ein Ort der Selbstbestimmung, wo alle Entscheidungen basisdemokratisch gefällt werden, ein Ort vielfältiger und alternativer Kunst und Kultur, ein Gegenkonzept zur Konsum- und Ellbogengesellschaft. Das kulturelle Engagement der Zelle wurde auch durch ein kleines Straßentheaterstück während der Demo unter Beweis gestellt. Vertreter anderer autonomer Zentren waren ebenfalls zu Gast und berichteten von den Schikanen, denen sie in ihren Städten ausgesetzt sind.

Nach einem kilometerlangen Fußmarsch durch die Reutlinger Innenstadt, durchgehend mit lauten Rufen wie „Kein Tag ohne – autonomes Zentrum„, „Bosch und Keppler [Leiter des Ordnungsamts] auf den Mond – das ist Raumfahrt, die sich lohnt“ und „Zelle bleibt – autonom und selbstverwaltet„, wurde der Demozug an der Zelle mit Böllerschüssen und einem Glückskeksspruch-Konfetti-Regen empfangen. Anschließend bot sich noch Gelegenheit, eine Stärkung zu sich zu nehmen und ein Konzert mit mehreren Bands zu genießen.

Ich wünsche der Zelle von Herzen viel Kraft und Ausdauer bei ihrem Kampf gegen die Windmühlen der deutschen Bürokratie. Es ist wichtig, dass die Zelle, dieser Dorn im Auge des zutiefst konservativen und autoritären Umlands, erhalten bleibt, für die Menschen jetzt und für kommende Generationen. Orte, an denen Menschen zu den unkritischen Konsumzombies, wie sie dieses System am liebsten hat, gemacht werden, gibt es bereits mehr als genug.

Links:
Homepage der Freiraumdemo
Bericht und Fotos auf der Homepage der Freiraumdemo

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