Sternmarsch der Arbeitslosen nach Madrid

Ein krönender Abschluss für die Sternmärsche der Arbeitslosen: 3.000 bis 5.000 Menschen demonstrierten gestern in Madrid gegen die Massenarbeitslosigkeit in Spanien und die Arbeitsmarktreformen. Der Demozug führte vom Paseo del Prado zur zentralen Puerta del Sol, wo anschließend eine Asamblea, eine große Versammlung mit offenem Mikrophon, abgehalten wurde.

Die Teilnehmer des Sternmarsches kamen aus allen Teilen des Landes. Viele hatten sich bereits vor etwa einem Monat auf den Weg gemacht und hunderte Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Andere folgten am Samstag mit dem Bus, allerdings konnten sich viele Arbeitslose, die auch gern gekommen wären, die Busfahrt nicht leisten. Unterstützt wurde der Sternmarsch laut El País auch von Studenten, Rentnern, und Mitgliedern der Protestbewegung 15M.

„Es ist an der Zeit zu leben, zu träumen, zu glauben. Die Diktatur des Kapitals wird enden.
Bereit zu kämpfen.“
Foto von MásPúblico@yfrog



Laut Alejandro Rierra, einem der Initiatoren, sollte mit den Märschen die Gesellschaft auf die Lage der Arbeitslosen aufmerksam gemacht werden. Ein Teilnehmer der Route Nord-West sagte, es sei an der Zeit, dass die Arbeitslosen auf die Straße gehen. Nicht Banken sollen von der Regierung gerettet, sondern Arbeitsplätze geschaffen werden, war eine der Forderungen während der Demonstration.

Infostand der Bergleute
Foto von soydelbierzo@twitpic

Die einzelnen Gruppen sammelten sich nach einem Abstecher beim Arbeitsministerium am Paseo del Prado. Das „SOL-phonische Orchester“ (Orquesta Solfónica), die Kapelle von 15M, musizierte als Willkommensgruß und spielte auch das Lied der Bergleute, „Santa Bárbara bendita“ (siehe Video). Nach einem gemeinsamen Mahl und einer kurzen Siesta, bei der sich die erschöpften Marschteilnehmer ein wenig ausruhten, brach der Demozug um 19:30 auf. Ihm schlossen sich auch streikende Bergleute an, Arbeitslose, die aus Protest in einen unbefristeten Hungerstreik vor dem Parlament getreten sind und zahlreiche weitere Unterstützer.

Frontbanner: ohne Brot keinen Frieden
Foto von MásPúblico@yfrog

Unter den häufigsten Rufen waren Klassiker wie „eure Krise bezahlen wir nicht“, „von Nord nach Süd, von Ost nach West, der Kampf geht weiter, was es auch kostet“, „wir haben die Lösung: Banker in den Knast“, „A – Anti – Anticapitalista“.

Cibeles
Foto von Popicinio@Flickr

Die PP-Abgeordnete Andrea Fabra, die über die Arbeitslosen sagte „sollen sie sich doch ficken“, als neue Kürzungen verkündet wurden, bekam auch ihr Fett ab: Ihr wurde „Die nächste Arbeitslose soll Andrea Fabra sein“ gewidmet. Als die Demonstranten an der Bank von Spanien vorbeikamen, riefen sie: „da sind die Schuldigen!“ Es wurde nach den großen Gewerkschaften gefragt, denn diese glänzten durch Abwesenheit. Lediglich die schwarz-roten Banner der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaften (CGTund CNT) waren zu sehen.

Foto von MásPúblico@yfrog

Schwarze Fahne über der Puerta del Sol
Foto von madrid15m@Twitter

Die Asamblea auf der Puerta del Sol war gut besucht. Glücklicherweise lösten die antidisturbios dieses Mal die Versammlung nicht wie zu oft zuvor mit brutaler Gewalt auf.

Asamblea auf der Sol
Foto von acampadasol@Twitter

Für die Übernachtung der Zugereisten war dank der Gastfreundschaft besetzter sozialer Zentren wie Patio Maravillas und Casablanca gesorgt, auch im Sitz der CGT konnten einige unterkommen.

Foto von MásPúblico@yfrog

„Sie pissen auf uns und sagen es sei Regen“
RichsPhotos’s album@PhotoBucket

Ein Teilnehmer zeigte sich enttäuscht, dass nicht mehr Menschen zu der Demonstration kamen, er hatte mit vielen tausenden gerechnet. In der Tat hätten angesichts einer Arbeitslosenquote von 25 % (Jugendliche über 50 %) noch viel mehr Menschen einen guten Grund gehabt, auf die Straße zu gehen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, warum es nicht mehr waren. Erschöpfung aufgrund zahlreicher Demos und Aktionen in Madrid und ganz Spanien. Der heiße Sommer. Der schwarze Marsch der Bergleute, der viel Aufmerksamkeit bekam und den Sternmarsch der Arbeitslosen ein wenig in den Hintergrund drängte. Viele Betroffene hatten schlicht und einfach kein Geld, um sich die Busfahrt nach Madrid leisten zu können.

Den Millionen Arbeitslosen fehlen nicht nur die finanziellen Mittel für größer angelegte Proteste, sie erhalten auch keine Rückendeckung durch die große Gewerkschaften und Gewerkschaftsverbände. In einem kapitalistischen System, dessen einziges Anliegen ist, den maximalen Profit aus Menschen zu schlagen, sind Arme und Erwerbslose zynisch gesprochen wertlos und entsprechend werden sie behandelt. „Ich bin Anti-System, aber ihr seid Anti-Mensch“ stand auf einem Plakat während der Demo:

Foto von MMunera@Twitter

Es ist nachvollziehbar, dass Menschen, die von Staat und traditionellen Strukturen im Stich gelassen werden, sich auf gegenseitige Hilfe besinnen. 15M, die libertären Gewerkschaften, Bürgerjournalisten, die fotografierten und live streamten und die vielen anderen Helfer haben an diesem Samstag ihr Bestes getan, vorzuleben, wie eine solidarische und lebenswerte Gesellschaft aussehen kann.

Spanische Quellen:

  • „Los parados, en marcha“El País
  • „Ya es hora de que los parados tomen la calle“El País
  • „Miles de desempleados piden al Gobierno que centre su política económica en generar trabajo“20 minutos
  • „La Marcha de los 40 Millones culmina con miles de manifestantes en el centro de Madrid“El Economista
  • „Miles de personas arropan a los parados a su llegada a Madrid“ – Público

Deutschsprachige Presse:

  • „Hungern für die Banken“Junge Welt
  • „Proteste in Spanien – ‚Sie pinkeln auf uns und sagen, es regnet'“Süddeutsche
  • „Sternmarsch: Arbeitslose aus ganz Spanien demonstrieren“Handelsblatt
  • „Sternmarsch nach Madrid. Arbeitslose auf den Barrikaden“n-tv
  • „Sparkurs in Spanien. Demonstranten marschieren nach Madrid“Spiegel Online
  • „Arbeitslose in Spanien protestieren gegen Sparmaßnahmen“Heute
  • „Arbeitslose protestieren in Madrid gegen Sparpaket“Freie Presse
  • „Spanier demonstrieren gegen Sparkurs“ORF
  • „Spanien: Arbeitslose protestieren gegen Kürzungen“ORF
  • „Spanien: Neue Proteste gegen Sparkurs der Regierung“DRadio


Fotos:



Videos:

Batucada: die unverzichtbare Trommelgruppe während der Demo.

Verschiedene Szenen. Ab 1:56 hört man „Santa Bárbara bendita“ vom Orquesta Solfónica:

Der Demozug von vorn. Rufe: „A – Anti- Anticapitalista“.

Rufe während der Demo:

Etwas unscharf, aber mindestens hörenswert: „la lucha es el único camino“ (der einzige Weg ist Kampf)

Zu guter Letzt der Clip, mit dem für die #MarchaDesempleados / #MarchaDeParados mobilisiert wurde:

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