Ein Besuch bei Occupy Frankfurt

Ich wollte Occupy Frankfurt unbedingt mit eigenen Augen sehen, bevor es zu spät ist. Da die Räumungsfrist am 31. Juli, 23:59 Uhr, auslief, nutzte ich diesen vermeintlich letzten Tag für einen Besuch bei dem Protestlager in der Bankenmetropole am Main. Erst am Abend erfuhr ich, dass die Räumung des Camps aufgeschoben worden war (Hessischer Rundfunk).

Die Stimmung im Camp war sehr entspannt, nichts war davon zu spüren, dass es womöglich schon in wenigen Stunden mit dem Protest vor der EZB vorbei sein könnte. Ein Kamera-Team vom HR war vor Ort, Touristen machten Photos. Bei Occupy Frankfurt scheint man an solches Interesse gewöhnt zu sein, niemand ließ sich davon aus der Ruhe bringen.

Den Hauptweg säumen größere Zelte, die offensichtlich gemeinschaftliche und offizielle Funktion haben: ein großer Infostand – der Mahnwache in Stuttgart nicht unähnlich – eine kleine Bühne. Ein hübsch angelegter kleiner Gemeinschaftsgarten schafft eine gewisse Idylle. Rechts und links abseits des Fußweges befinden sich die Wohnzelte und Iglus. Politische Parolen, ausführlichere Texte, Aufkleber, Karikaturen, liebevoll handgemalte Plakate bieten dem Auge des Betrachters viele Eindrücke. Sogar eine eigene kleine Bücherei habe ich entdeckt, in einer Schatzkiste.

Die grundsätzliche Atmosphäre machte einen überaus friedlichen, freundlichen und aufgeschlossenen Eindruck auf mich. Fremde Menschen lächelten mich an, eine junge Dame verteilte Waffeln, ich wurde höflich um eine Zigarette gebeten. Es sollte kein Problem darstellen, hier mit Menschen ins Gespräch zu kommen, wenn man selbst einigermaßen aufgeschlossen ist.

Am Abend gab es ein kleines Konzert. Eine junge Frau sang, begleitet von einer Gitarre und Trommeln. Menschen saßen im Gras beisammen, genossen die Musik und die sanften Strahlen der untergehenden Sonne. Es wurde jongliert, miteinander geredet. Wehmütige Erinnerungen an die Zeltstadt im mittlerweile verwüsteten mittleren Schlossgarten in Stuttgart wurden geweckt. Ein Trost war zu sehen, dass Paradiese zwar zerstört werden können durch die brutale Gewalt der Reichen und Mächtigen, aber dass sie nicht verhindern können, dass an anderer Stelle Träume von einem harmonischen Zusammenleben weiter existieren.

Aufgrund der Kürze meines Besuches vermag ich nicht zu entscheiden, ob es an diesem Ort möglich ist, Lösungen für eine bessere Welt zu erarbeiten und politische Aktivitäten zu planen. Aber ich bin überzeugt, dass Frankfurt ärmer sein wird, wenn die Stadt daran festhält, diesen einzigartigen Ort zu räumen. Occupy Frankfurt ist eine Insel des Miteinanders inmitten des Wettbewerbs und Gegeneinanders, inmitten der Wolkenkratzer der Banken. Occupy Frankfurt ist eine Entschleunigung des hektischen Treibens rund um den Willy-Bandt-Platzes.

Morgen wird laut Frankfurter Rundschau das Verwaltungsgericht entscheiden, ob das Camp weichen muss und damit den Bankstern die Innenstadt wieder allein gehört.

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  1. Antwort auf die Spanien Rettung | Bodenfrost - 4. Mai 2013

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