Chronik der angekündigten Tode – Selbstmorde in Spanien

"beendet die Zwangsräumungen!"

„beendet die Zwangsräumungen!

Immer wieder und immer häufiger sehen sich Menschen in Spanien gezwungen, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, wenn ihnen die Zwangsräumung droht. Ihre Tode sind keine Einzelfälle und sie dürften auch niemanden mehr überraschen. Das Elend der Menschen, die aufgrund von Krise und Arbeitslosigkeit ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können und ihr Dach über dem Kopf an Banken verlieren, ist erdrückend.

Die Opfer von Zwangsräumungen seit 2010:

12. November 2010: ein 45-jähriger Mann erhängt sich in Barcelona in einem Park (El confidencial [span.]).

23. Oktober 2012: ein junger Mann stürzt sich in Las Palmas de Gran Canaria von einer Brücke (Noticias Gran Canaria [span.]).

25. Oktober 2012: in Granada erhängt sich ein 54-jähriger Mann (El País in english [engl.]; Uhupardo [dt.]).

26. Oktober 2012: ein Mann springt in Burjassot (Valencia) aus dem zweiten Stock vom Balkon und überlebt verletzt (Europapress [span.]).

9. November 2012: in Barakaldo (Baskenland) springt eine 53-jährige aus dem vierten Stock in den Tod (Uhupardo [dt.]; 20 minutos [span.]; Al Jazeera [engl.]; Russia today [engl.]).

16. November 2012: in Córdoba springt ein 50-jähriger Mann aus dem Fenster (Oman observer [engl.]).

28. November 2012: ein 59-jähriger nimmt sich in Santesteban (Navarra) das Leben (Uhupardo [dt.]).

9. Dezember 2012: in Peñafiel (Valladolid) wird eine 62-jährige Frau, der die Zwangsräumung drohte, tot aufgefunden (Huffington Post.es [span.]; Público [span.]).

14. Dezember 2012: [je nach Quelle] 52/56-jährige Frau sprang in Málaga aus dem vierten Stock vom Balkon (Uhupardo [dt.]).

15. Dezember 2012: ein 47-Jähriger erhängt sich in seiner Wohnung in Ardales (Málaga)(20 minutos [span.]; El mundo [span.]).

14. Januar 2013: Ein 62-Jähriger wird in Palma de Mallorca tot aufgefunden, an dem Tag, an dem er zwangsgeräumt werden sollte. Die Gerichtsmedizin bestätigte nach einer Autopsie, dass es sich um Selbstmord handelt. In der Hosentasche des Mannes wurde der Gerichtsbefehl befunden, der die Räumung seiner Schneiderei anordnete (Diario de Mallorca [span.]).

8. Februar 2013: In Córdoba begeht ein 36-jähriger Familienvater und stop desahucios-Aktivist Selbstmord, weil er sich nach der Zwangsräumung aus seinem Haus von der Bank betrogen fühlte und keine Perspektive mehr sah, seine Schulden abzubezahlen (Bodenfrost [dt.]; Cordópolis [span.]).

Letztes Wochenende erst ein Update gemacht, schon gibt es neue Fälle. Vier Selbstmorde in zwei Tagen:

11. Februar 2013: im baskischen Basauri nahm sich ein 56-Jähriger das Leben. Eine Sprecherin von stop desahucios (beendet Zwangsräumungen) sagte, dass er die Hypothekenschulden nicht mehr bezahlen konnte, ihm bereits Licht und Wasser abgedreht worden war und die Zwangsräumung bevorstand. Seinen Kindern hinterließ der Mann eine Nachricht, in der stand „ich kann nicht mehr“ (El correo [span.]; taz [dt.]).

12. Februar 2013: In Cas Català, Mallorca, wurde ein Rentner-Ehepaar, 68 und 67 Jahre alt, tot aufgefunden. Sie wollten nicht miterleben, wie sie ihr Haus durch Zwangsräumung verlieren (Uhupardo [dt.]; taz [dt.]; Telepolis [dt.]; Diario de Mallorca [span.]).

13. Februar 2013: Ein 55-Jähriger, der zwangsgeräumt werden sollte, weil er die Miete nicht bezahlt hatte, wurde erhängt in seiner Wohnung in Alicante aufgefunden von Gerichtsvollziehern und Polizei-Beamten, die die Zwangsräumung durchführen sollten (Telepolis [dt.]; La verdad [span.]; Diario información [span.]).

18. Februar 2013: Eine 47-Jährige übergießt sich in einer Bankfiliale in Castellón mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündet sich an. Zeugen zufolge soll sie dabei gerufen haben: „schaut, was ihr mir angetan habt, ihr habt mir alles genommen.“ Sie wurde in ein Krankenhaus geflogen und überlebte schwer verletzt. Ihre Familie sagt, dass die Frau in finanziellen Schwierigkeiten war und ihr möglicherweise die Zwangsräumung bevorstand (Quellen: Euro weekly news [engl]; Voice of Russia [engl.]; Publico [span.]).
Am 10. Mai meldeten die spanischen Medien, dass die Frau im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen ist (20 minutos [span.]).

25. Februar 2013: In Cartagena nimmt sich Guillermo Santos das Leben, aus Verzweiflung darüber, dass er seine Familie nicht versorgen kann. Ein Jahr zuvor war er zwangsgeräumt worden (Bodenfrost [dt.])

6. März 2013: In Bilbao springt José Antonio Diéguez aus dem vierten Stock in den Tod, als die Gerichtsvollzieher ihm den Räumungsbefehl zustellen wollen (Bodenfrost [dt.]).

12. April 2013: In Alicante erhängt sich ein 56-jähriger Arbeitsloser, zehn Tage nach seiner Zwangsräumung. Er wurde nur knapp hundert Meter entfernt von seiner ehemaligen Wohnung gefunden. Die Zwangsräumung war durchgeführt worden, weil er der Eigentümerin der Wohnung die Miete für über ein Jahr schuldete. Ihr Angebot, ihm die Mietschulden zu erlassen, wenn er dafür im Gegenzug freiwillig die Wohnung räumt, war unbeantwortet geblieben (Diario información [span.]; Post digital [span.]).

6. Mai 2013: Als Gerichtsvollzieher und Polizei eine Wohnung in Barcelona betraten, um die Zwangsräumung durchzuführen, fanden die den 40-jährigen Bewohner tot auf. Er hatte sich erhängt (Uhupardo [dt.]; Público [span.]; El mundo [span.]).

16. Mai 2013: In La Ñora (Murcia) wird ein 42-Jähriger erhängt aufgefunden, als er zwangsgeräumt werden sollte (La opinión de Murcia [span.]; Cartagena/Democracia Real Ya [span.]).

20. Mai 2013: In Chiclana erhängt sich ein 53-jähriger Familienvater von sechs Kindern, weil er seine Hypotheken-Schulden nicht mehr bezahlen kann und ihm und seiner Familie die Zwangsräumung droht (El faro de Chiclana [span.]; Europapress [span.]).


Die deutschsprachigen Medien schweigen sich weiterhin zu diesem Thema aus. Haben sie Angst, den Traum der heilen Welt zu stören?

Nicht nur das Schweigen der Massen-Medien ist ein bemerkenswert. Auch in den Foren, social networks und Blogs weicht das Entsetzen langsam der Gewohnheit, verhallt der Aufschrei immer schneller. Stumpfen wir so schnell ab? Wird „Normalzustand“ bei Bedarf einfach neu definiert, der Nullpunkt neu gesetzt und ab einem bestimmten Punkt gehört dann eben dazu, dass Menschen aus dem Leben scheiden, weil sie in einem System leben, das Banken rettet, aber Einzelne und Familien im Stich lässt?

Es ist wichtig, sich Empfindsamkeit zu bewahren und Ungerechtigkeit nicht als unabänderlich hinzunehmen, denn es ist nicht unmöglich, etwas zu ändern. Gestern hielten Aktivistinnen und Aktivisten von PAH (Plattform für von Hypotheken Betroffene) eine Zwangsräumung in Madrid auf (Twitter-Meldung der frohen Botschaft, Foto von der Wohnung, um die es ging, ausführlicher Bericht auf englisch bei ROAR Mag).

Links zum Thema:

  • „Heftpflaster gegen Zwangsräumung beschlossen“Uhupardo
  • „526 Zwangsräumungen täglich in Spanien“Bodenfrost
  • Wikipedia-Eintrag zu den Selbstmorden in Spanien aufgrund von Zwangsräumungen

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9 responses to “Chronik der angekündigten Tode – Selbstmorde in Spanien”

  1. Enough is Enough! says :

    Reblogged this on Enough is Enough! und kommentierte:
    Chronik der angekündigten Tode – Selbstmorde in Spanien

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