Sollen sie doch Fahrräder essen

Die andalusische Regierung erlässt ein Gesetz, dass Kindern drei Mahlzeiten am Tag zusichert (RTVE). Seit Monaten warnen Direktoren, dass für manche Kinder das warme Mittagessen in der Schule die einzig vernünftige Mahlzeit am Tag sei (El País). 6 von 100 andalusischen Kindern gelten als sehr arm.

Wer meint, dass doch jeder Mensch auf Erden einem Kind von Herzen gönnt, sich satt zu essen, sieht sich leider enttäuscht.

Ernesto Sáenz de Buruaga äußerte sich gestern auf Twitter äußerst geringschätzig über diese Maßnahme:

Eine weiterer Geistesblitz in Andalusien. Drei Mahlzeiten täglich für Kinder per Gesetzeserlass. Warum nicht gleich noch ein Fahrrad?
(Otra ocurrencia Andalucía.los niños por decreto tres comidas al día. Y por que no una bicicleta)
– Sáenz de Buruaga (@buruagacope), 18. April 2013, 21:22

Der feine Herr, der Kindern keine drei Mahlzeiten am Tag gönnt, arbeitet übrigens bei COPE, laut der englischen Wikipedia „an acronym for Cadena de Ondas Populares Españolas („People’s Radiowaves of Spain Network“), a private, right wing, commercial, Spanish radio network owned by a series of institutions within the Spanish Catholic Church.“ Christliche Nächstenliebe vom Allerfeinsten…

Mit „ein weiterer Geistesblitz“ spielte Buruaga auf ein Gesetz an, dass kürzlich von der andalusischen Regierung erlassen wurde und das die vorübergehende Enteignung von Häusern erlaubt, wenn dadurch Zwangsräumungen verhindert werden (im Detail nachzulesen bei Uhupardo).

Nach dem Shitstorm, der ihm gestern völlig zu Recht um die Ohren flog – sein unerträglicher Zynismus verbreitete sich in Windeseile und wurde entsprechend oft kommentiert – machte er heute einen Rückzieher und sagte, dass sei doch nur Ironie gewesen. Ironie im Zusammenhang mit hungrigen, armen Kindern? Selten so gelacht.

P.S.: Ihr goldenes Herz für Bedürftige hatte die spanische katholische Kirche bereits letztes Jahr unter Beweis gestellt: Als Opfer von Zwangsräumungen friedlich die Almudena-Kathedrale in Madrid besetzten, um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, ließ sie der Erzbischof durch die Polizei aus der Kirche werfen (Artikel bei Bodenfrost, Juli 2012).

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4 responses to “Sollen sie doch Fahrräder essen”

  1. Morrighan says :

    Da ist Fremdschämen angesagt. Mit seiner nachträglichen Ansage macht er es auch nicht besser. In Griechenland – das hat eine griechische Lehrerin im Radio erzählt – fallen Kinder in Ohnmacht, weil sie nicht genug zu essen bekommen. Es sind immer die ohnehin Schwächsten, die unter den Entscheidungen derer, die vor lauter Geld nicht wissen, was sie zuerst essen sollen, zu leiden haben. Menschenverachtend, widerlich, unfassbar.

    • bodenfrost says :

      Ich habe den Eindruck, dass viele Wohlhabende in einer Art Parallel-Welt leben, abgeschottet und abgeschirmt, und sie deswegen kein Verständnis oder gar Mitgefühl aufbringen können für Mitmenschen, die um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen und denen auch Hunger kein fremdes Gefühl ist.

      Vor wenigen Tagen sagte María Dolores de Cospedal. die Generalsekretärin der regierenden rechtskonservativen spanischen Partido Popular, ihre Wähler würden eher auf Essen verzichten, als bei den Ratenzahlungen ihrer Hypothekenschulden in Verzug zu kommen. Das klingt doch sehr nach: „selber schuld, wenn ihr zwangsgeräumt werdet, ihr hättet ja nicht so viel fressen müssen.“

      Solche „Weisheiten“ verbreitet nur, wem wirkliche Not völlig unbekannt ist.

      Empathielose Eis- & Kotzbrocken dieser Art gibt es wohl überall. Ich erinnere mich da noch an den Ausspruch, dass Hartz IV-Empfänger das Geld nur für Zigaretten und Bier ausgeben würden, wenn man ihnen mehr gibt. Die „spätrömische Dekadenz“ ist auch unvergessen. Und die menschenverachtende „spätere Anschlussverwendung“ ist noch gar nicht so lange her.

      Das mit den griechischen Kindern klingt einfach furchtbar und erschütternd… und es wundert mich nicht, dass davon in den Massenmedien nichts zu lesen ist.

      • Morrighan says :

        Die „spätere Anschlussverwendung“ musste ich erst googeln, die war mir noch nicht bekannt. Das wirklich Schlimmer ist, dass derartige menschenverachtende Sprüche keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen und das zieht Kreise. Wenn junge Menschen darauf angesprochen werden, dass sie bitte ihren Müll aufheben mögen, achselzuckend zur Antwort geben, dass es für solche Dinge Ein-Euro-Jobber gibt, dann wird klar, dass die Politik „herrsche und teile“ überall angekommen ist. Sie werden mit Sicherheit nicht aufstehen für andere, denen es schlecht geht.

  2. ruhestoerer100 says :

    Gated Communities. Ein schöner Anglizismus. Noch schöner was er bedeutet. Die einen sperrt man hinter Stacheldraht, weil sie nichts mehr zu fressen haben, die anderen sind so saudumm und verstecken sich hinter demselbigen, „um sich zu schützen“.
    So kann man auch wieder eine Mauer hochziehen. Diesmal nicht aus politischen Gründen, sondern aus materiellen.
    Das ist nur noch mit Zynismus und Sarkasmus zu ertragen.

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