Repressionswelle in Katalonien: das Imperium schlägt zurück

Diese Woche wurden in Katalonien, im Nordosten Spaniens, einige alternative Projekte niedergewalzt, begleitet von einer Kriminalisierungs-Kampagne, die wohl signalisieren soll, dass jeder, der versucht die Utopie zu leben und herrschende ungerechte Verhältnisse zu verändern, oder auch nur den Mund aufmacht und zu laut nachdenkt, bereits mit einem Bein im Knast steht.

In den frühen Morgenstunden des 14. Mai wurde „Las Barrikadas“ in Barcelona geräumt. Das leerstehende Gebäude war zwei Tage zuvor im Anschluss an eine Demo besetzt worden (siehe Bodenfrost-Bericht). In dem Gebäude sollte ein selbstverwaltetes soziales und kulturelles Stadtteilzentrum entstehen. Zusätzlich sollten Wohnungen für zwangsgeräumte Familien zur Verfügung gestellt werden.

Foto von 15Mmikel@Twitter

Foto von 15Mmikel@Twitter

Aus der Traum. Der Eingang wurde sogar zugemauert, um eine weitere Besetzung zu verhindern. Es ist eben am einfachsten weiterhin von „Alternativlosigkeit“ zu schwadronieren, wenn jede versuchte Alternative für eine bessere Welt dem Erdboden gleichgemacht wird.

LasBarrikadasZugemauert

Trotz der kurzen Existenz hat „Las Barrikadas“ einen Eintrag in der Wiki der Bewegung 15M.

Am Folgetag, dem symbolträchtigen Gründungsdatum der Bewegung 15M, räumten die Mossos D’Esquadra das besetzte Landgut Can Piella am Stadtrand von Barcelona. Die Bewohner leisteten Widerstand und verschanzten sich auf dem Dach des Gebäudes, um die Räumung zu erschweren. Letztendlich holten sie die Repressionsorgane mit einem Kran herunter.

Foto von Culebrae@Twitter

Foto von Culebrae@Twitter

Aus Protest gegen die Räumung blockierten Unterstützerinnen und Unterstützer eine Schnellstraße. Zwei Aktivisten seilten sich an der Fassade des Hochhauses ab, in dem die Verantwortlichen für die Räumung ihren Sitz haben, und entrollten ein weithin sichtbares Transparent.

Foto von Esteve_1@Twitter

Foto von Esteve_1@Twitter

Foto von albadlo@Twitter

Foto von albadlo@Twitter

Vor der Besetzung stand das historische Gebäude 10 Jahre lang leer, die Felder lagen brach. Can Piella war ein selbstverwaltetes alternatives Gesellschaftsprojekt, bei dem neue Formen des Zusammenlebens und der Selbstversorgung ausprobiert wurden, um der Krise nicht nur Worte, sondern auch Taten entgegen zu setzen. Drei Jahre lang hatte es bis zu seiner Räumung existiert. Diese Foto-Galerie zeigt, wie Can Piella vor der Räumung aussah.

Links:

In Sabadell wurde laut Diagonal Periódico am selben Tag im Rahmen einer groß angelegten Polizei-Aktion unter anderem das Ateneu Llibertari (libertäres Kulturzentrum) der CNT, eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft, durchsucht, einen Durchsuchungsbefehl hatten die Mossos nicht dabei. Das Ateneu Llibertari wird unter anderem auch von der Ortsgruppe 15M Sabadell genutzt. Die CNT Barcelona hält es nicht für einen Zufall, dass die Durchsuchung der Räumlichkeiten von 15M genau dem zweiten Jahrestag der Bewegung 15M stattfand.

AteneuRazzia-CNTSabadellBei der Razzia wurden insgesamt 5 Personen festgenommen. Ihnen wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung namens „Bandera Negra“ (Schwarze Fahne) vorgeworfen, sowie Verherrlichung von Gewalt und und Terrorismus in Facebook-Kommentaren. Alle 5 befinden sich seit Freitag in Untersuchungshaft in Madrid. Weiterführende Infos auf englisch bei Darker Net.

Die Polizei hat nach eigenen Angaben zahlreiche Gegenstände beschlagnahmt, darunter Feuerwerkskörper und „anarchistische Propaganda“, die sie auf Fotos aus der Asservatenkammer der Öffentlichkeit präsentieren.

Die CNT Sabadell teilte in ihrem Blog mit (1 und 2), dass ihnen die Identitäten der Festgenommen unbekannt und diese keine Mitglieder der CNT seien. Von einer Gruppierung namens „Schwarze Fahne“ haben sie nie gehört, sie fanden bei ihrer Recherche lediglich eine Facebook-Seite gleichen Namens. Auch berichteten sie, dass die Polizei mehrere ihrer Festplatten beschlagnahmt habe. Die CNT Sabadell hält das spektakuläre Vorgehen von Beamten in kugelsicheren Westen – verbunden mit der darauffolgenden reißerischen Presseberichterstattung – für eine gezielte Einschüchterung, erklärt aber, dass sie den Kampf für eine gerechtere, egalitärere und freiere Welt fortsetzen werden.

Das alte Schreckgespenst des gemeingefährlichen Bombenwerfers aus der Mottenkiste der Geschichte zu holen ist nicht gerade ein Zeichen von Kreativität seitens des Systems. Es wäre nicht das erste Mal in der spanischen Geschichte, dass Anarchisten als Sündenböcke herhalten müssen, um weitergehende Repression zu rechtfertigen (siehe Mano Negra).

Foto von 15MBCn_int@Twitter

Foto von 15MBCn_int@Twitter

Die Obrigkeit in Katalonien holte am selben Tag noch zu einem dritten Schlag aus. Dem Bloc Salt wurde die Wasserversorgung gekappt. Bloc Salt ist ein Gebäude in Salt, das von den Anti-Zwangsräumungs-Aktivisten der PAH Girona besetzt worden war, um es zwangsgeräumten Familien zur Verfügung zu stellen und um es als Versammlungsort der PAH zu verwenden (siehe auch Bericht auf Bodenfrost vom 5. Mai und vom 24. März).

Es wurde nach einem Bericht von Directa nicht einfach nur der Hahn zugedreht, er wurde obendrein zubetoniert, um zu verhindern, dass sich das Wasser wieder andrehen lässt. Als der Schachtdeckel auch noch versiegelt werden sollte, setzten sich Hausbewohnerinnen darauf, um es zu verhindern (siehe Fotos). Die PAH (Bündnis der Hypotheken-Opfer) vermutet, dass der Bürgermeister von Salt dahintersteckt, dem das Bloc Salt ein Dorn im Auge ist. Dieser hatte bereits vor einiger Zeit veranlasst, dass alle öffentlichen Brunnen abgestellt werden, damit die armen Leute sich nicht mehr „missbräuchlicherweise“ von dort ihr Wasser holen können.

Wasser kein Menschenrecht? Foto von LA_PAH@twitpic

Wasser kein Menschenrecht?
Foto von LA_PAH@twitpic

Die PAH verhandelt derzeit mit der Stadtverwaltung über ein Bleiberecht im Bloc Salt. Das Bündnis fordert, dass die 5 Familien, die derzeit mit 8 Minderjährigen dort leben, bleiben und das Haus offiziell als Wohnsitz anmelden dürfen, damit sie alle städtischen Dienste beanspruchen können. Im Gegenzug erklären sie sich bereit, eine Sozialmiete zu bezahlen und für die entstehenden Kosten für Licht und Wasser aufzukommen.

Foto von PAH_BCN@Twitter

Foto von PAH_BCN@Twitter

Die Staatsanwaltschaft fordert mehrjährige Haftstrafen, 5 1/2 Jahre, und Bußgelder über 7.500 Euro von allen 20 Angeklagten, denen vorgeworfen wird, sich an einer Blockade vor dem katalanischen Parlament beteiligt zu haben, berichtet Cadena SER . Am 15. Juni 2011 hatten rund 1.000 „Indignados“ der frisch entstandenen Bewegung 15M vor dem Parlament gegen Kürzungen von Sozialausgaben protestiert. Der Ministerpräsident Artur Mas musste mit dem Hubschrauber eingeflogen werden.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

7 responses to “Repressionswelle in Katalonien: das Imperium schlägt zurück”

  1. Enough is Enough! says :

    Reblogged this on Enough is Enough! und kommentierte:
    Repressionswelle in Katalonien: das Imperium schlägt zurück

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: