Projekt A

Seit Februar läuft der Dokumentar-Film „Projekt A – eine Reise zu anarchistischen* Projekten in Europa“, oft vor ausverkauften Kinosälen. Das einschränkende Sternchen im Film-Titel ist durchaus angemessen, nicht alle vorgestellten Projekte sind anarchistisch.

Infostand von LB² bei einer Filmaufführung

Infostand von LB² im Kino-Foyer

Bei anderen Beiträgen stellt sich zumindest die Frage, warum sie so breiten Raum einnehmen. Beispielsweise die Anti-Atom-Proteste. Anschleichen, Anketten und Gerangel mit der Bullerei mag für die Kamera ein reizvolleres und aufmerksamkeitsheischenderes Motiv sein als dröge Schreibtischtätigkeit, aber wäre es nicht gehaltvoller und aussagekräftiger gewesen, stärker auf Hannas Übersetzungen von Crimethinc-Texten einzugehen?

Allgemein ist die Auswahl des gezeigten Filmmaterials nicht immer nachvollziehbar. So die brennenden Feuerwehrautos in Athen, obwohl der Regisseur in einem Interview sagte, dass er nicht wisse, ob diejenigen, die sie angezündet haben, überhaupt Anarchisten sind. Riot porn ist spannend, zugegeben, er transportiert jedoch keinen Inhalt, wenn er nicht in einen Kontext eingebettet ist.

Die Theorie kommt bei „Projekt A“ sehr kurz. Es geht im Schweinsgalopp durch die Grundlagen anarchistischer Überlegungen und Ziele. Es fallen ein paar Namen wie Kropotkin und Bakunin, das war’s dann schon wieder. Es ist fraglich, was und wieviel beim Publikum davon hängen bleiben wird nach dem Kino-Besuch.

Was der Film gut vermittelt, ist die Vielfalt anarchistischer Praxis. Die vorgestellten Projekte haben sehr unterschiedliche Schwerpunkte und Herangehensweisen. Der Einblick, wie eine anarchosyndikalistische Organisation mit mehreren zehntausend Mitgliedern aufgebaut ist und es schafft, dezentral und herrschaftsfrei Entscheidungen zu treffen, ist ein weiterer Pluspunkt des Films.

Liegen dem Film gute Absichten zugrunde? Davon gehen wir aus. Ist der Film gut? Darüber lässt sich streiten. Die vernichtende Kritik in der Gaidao Nr. 63 ist in vielen Punkten nicht von der Hand zu weisen. Kann sich der Film als hilfreich erweisen? Das hängt nicht unmaßgeblich davon ab, was anarchophile und antiautoritäre Einzelpersonen und Strukturen vor Ort daraus machen.

In vielen Städten gab es im Anschluss an die Aufführung Frage- und Gesprächsrunden und es wurde Info-Material verteilt. Das ist eine gute Möglichkeit, die Defizite des Films, den mangelnden Tiefgang, nachzubessern und potentiell Interessierten eine Möglichkeit mit auf den Weg zu geben, sich auf eigene Faust tiefer einzulesen oder sich gar mit anderen zu vernetzen.

Projekt A lässt sich als Chance begreifen, viele neue Menschen zu erreichen. Es wäre schade, eine gute Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.

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