Eindrücke aus dem Hambacher Forst

Bereits seit 2012 besetzen Menschen Bäume im Hambacher Forst und leben auf dem Wiesen-Camp, um Widerstand zu leisten gegen den Braunkohletagebau, der dort unersättlich die Landschaft verschlingt. Wir waren zu Besuch und haben uns das angeschaut. Hier nun unsere Eindrücke.

Der Widerstand im Hambacher Forst ist öko-anarchistisch geprägt. Das äußert sich auf vielerlei Weise: Sprüche und anarchistische Symbole auf zahlreichen Transparenten und Plakaten. Die „schwarz-grünen Fahnen der Revolution“ werden nicht nur in einer umgetexteten deutschen Version von „A las barricadas“ am Lagerfeuer besungen, sie sind auch in den Camps allenthalben sichtbar. In einer andere Zeile des Liedes wird „die anarchistische Revolution“ herbei gewünscht. Das eigens zu diesem Zweck 2015 gegründete Anarchist Black Cross Rhineland kümmert sich um Aktive, die von staatlicher Repression betroffen sind. Allgemein erfreulich ist die völlige Abwesenheit von Parteien und autoritären linken Organisationen.

Der zugrunde liegende anarchistische Ansatz zeigt sich auch in der Organisationsform – in regelmäßigen und angekündigten Plena werden gemeinsam und basisdemokratisch Entscheidungen getroffen – und allgemein darin, wie solidarisch die Menschen miteinander umgehen. Es gibt viel Aufmerksamkeit und Empathie für einander. Sieht jemand traurig, überfordert oder einsam aus, wird er oder sie angesprochen und gefragt, ob Hilfe benötigt wird. Stets mit ausreichend Sensibilität, ob Nähe oder ein Gespräch überhaupt erwünscht sind. Die Offenheit der Camps ist sehr ausgeprägt. Anders, als in vielen linken Einrichtungen, Projekten oder Demonstrationen, wird Neuankömmlingen nicht das Gefühl vermittelt, dass sie verdächtig sind, weil niemand sie kennt.

Die Solidarität und der Gemeinschaftssinn zeigen sich auch darin, dass Teilen groß geschrieben wird. Holz hacken bedeutet Feuerholz für alle machen, damit es am gemeinsamen Lagerfeuer in kühlen Herbstnächten wärmer und behaglicher ist. Gekocht wird von Freiwilligen, mitessen kann, wer möchte und Hunger hat. Gemeinschafts-Fahrräder können ausgeliehen und zurückgebracht werden. Fährt jemand mit einem Auto in eine umliegende Ortschaft um einzukaufen, bringt er auch anderen, nicht-motorisierten, mit, was diese benötigen. Auf der Wiese gibt es eine Bücherei und einen „Tekk Wagen“, ein Wohnmobil, in dem Batterien aufgeladen werden können.

Geteilt werden aber nicht nur materielle Güter, sondern auch Wissen und Erfahrungen. Es gibt Infostände und informative Aushänge. In Workshops werden die unterschiedlichsten Kenntnisse vermittelt, beispielsweise Yoga oder wie Baumhäuser gebaut werden, die stabil und sicher sind ohne dabei den Baum zu verletzen. Geduldig wird Interessierten gezeigt, wie sie sicher auf einen Baum klettern und sich wieder abseilen können.

Bewundernswert sind Unerschütterlichkeit und Idealismus der Aktiven. Trotz des Wissens um die Vergänglichkeit ihrer Bemühungen, lassen sie sich nicht entmutigen. Obwohl durch Räumungen von Camps und Fällungen von Bäumen bereits so viel zerstört werden und vermutlich auch weiterhin zerstört werden wird, lassen sie sich ihre Liebe zu einem schönen Leben nicht nehmen und gestalten und schmücken weiterhin alles, was sie umgibt, liebevoll und nach ihren Vorstellungen.

Der Aktivismus in den Camps im Hambacher Forst hat gewissermaßen zwei Gesichter. Das eine ist der konkrete Widerstand gegen die drohenden Rodungen und den Klimawandel. Das andere ist, bereits hier und jetzt die Utopie einer herrschaftsfreien und solidarischen Gesellschaft zu leben. Liebens- und unterstützenswert sind beide dieser Gesichter.

Weitere Fotos aus dem Hambacher Forst bei Bodenfrost.

Möglichkeiten den Hambacher Forst mit Spenden und Sachspenden zu unterstützen.

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2 responses to “Eindrücke aus dem Hambacher Forst”

  1. dunkelblick says :

    wow, danke für den tollen artikel! ❤

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