Die Kraft der gegenseitigen Hilfe

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie viel Kraft und positive Wirkung Solidarität und gegenseitige Hilfe entfalten können, wenn sie nicht nur Parolen sind, sondern in die Tat umgesetzt werden.

Die Comunidad la Esperanza ist Spaniens größtes selbstverwaltetes Hausbesetzungsprojekt. In vier Wohnblocks leben etwa 200 Menschen – die Hälfte davon Kinder und Jugendliche – die Zwangsräumung und andere prekäre Lebenssituationen hinter sich haben. Sie organisieren sich basisdemokratisch in Plena und Arbeitsgruppen. Der Alltag ist geprägt von gegenseitiger Hilfe. Ins Leben gerufen wurde dieses Wohnprojekt vor fast 5 Jahren von der Anarchistischen Föderation Gran Canaria (Federación Anarquista de Gran Canaria, FAGC).

Am 22. März 2018 wurde der Esperanza durch den Stromanbieter Unelco (Endesa Canarias) der Strom abgestellt. Die 70 Familien, die dort leben, waren dadurch nicht nur ohne Strom, sondern auch ohne Wasser, da das Wasser mit einer Pumpe in die Häuser befördert wird. Außerdem fürchteten die Bewohnerinnen und Bewohner der Esperanza, dass der abgestellte Strom das Vorzeichen für eine bevorstehende Räumung sein könnte. RTVC berichtete darüber.

Als erste Protest-Reaktion blockierten sie die Straße vor dem Wohnprojekt in Santa María de Guía (Gran Canaria) und machten lauthals und topfschlagend auf die Untragbarkeit ihrer Situation aufmerksam. Die Anarchistische Föderation twitterte ein Foto und postete ein Video davon. A3 brachte ebenfalls einen Bericht.



Dieser Notfall erreichte die Anarchistische Föderation Gran Canaria in einem denkbar ungünstigen Moment. Trotzdem zögerte die Anarchistische Föderation Gran Canaria nicht und stand den Bewohnerinnen und Bewohnern der Esperanza bei. Ein Genosse verschob sogar seinen Krankenhausaufenthalt, um bei der Rettung der Esperanza helfen zu können.

Die Bewohnerinnen und Bewohner selbst berieten sich in mehreren Versammlungen über das weitere Vorgehen. Unterstützt wurden sie dabei auch von dem Sindicato de Inquilin@s Gran Canaria, das von der Anarchistischen Föderation mitbegründete MieterInnen-Syndikat Gran Canaria.

Eine Schwierigkeit für strategisches Vorgehen stellte dar, dass das Abstellen des Stroms ausgerechnet auf die „semana santa“, die Woche vor Ostern, gefallen war. Während dieser religiösen Feiertage sind zahlreiche Institutionen, die ein passendes Ziel für Protestaktionen wären, geschlossen. Die mediale Aufmerksamkeit ist auf die Umzüge gerichtet.

Nach technischer Beratung durch das MieterInnen-Syndikat wurde beschlossen, einen Motor zu erwerben, der die Pumpe betreibt, um wieder Wasser zu haben. Nach dem Vergleich von Modellen und Preisen wurde einer für 1300 Euro gefunden. Die Finanzierung stellte die Bewohnerinnen und Bewohner der Esperanza jedoch vor fast unüberwindliche Hürden. Die Anarchistische Föderation Gran Canaria stellte ihre Fonds zur Verfügung, alles, was sie hatten. Darüber hinaus sollte jede Familie aus der Esperanza 15 Euro beisteuern. Sie waren sich jedoch bewusst, dass es dauern würde, das Geld zusammen zu bringen und dass nicht alle Familie diesen Beitrag würden stemmen können.

Am Samstag startete die FAGC spontan einen Spenden-Aufruf über ihren Twitter-Kanal. Große Hoffnungen hatten sie nicht darauf gesetzt. Zumal sie bereits kurz zuvor zu einer Spenden-Kampagne für den Dokumentarfilm „Precaristas“ aufgerufen hatten und es ihnen unangenehm war, innerhalb so kurzer Zeit wieder nach Geld zu fragen.

Die Reaktionen auf den Spenden-Aufruf übertrafen dann jedoch alle Erwartungen. Innerhalb von weniger als 24 Stunden konnte die Kampagne erfolgreich beendet werden. Über 80 Organisationen, Kollektive und Einzelpersonen hatten einen Beitrag geleistet. Die Genossin der Anarchistischen Föderation, die an dem Wochenende den Twitter-Account betreute, den Aufruf verbreitete und auf Fragen antwortete, war angesichts der überwältigenden Solidaritäts-Welle so zu Tränen gerührt, dass sie sogar kurz das Handy aus der Hand legen musste, weil sie nicht mehr tippen konnte.

Aus nah und fern war Unterstützung gekommen, wie die Anarchistische Föderation Gran Canaria berichtet: „USA, Deutschland, Portugal, Italien und die spanischen Regionen Katalonien, Baskenland, Valencia, Madrid, Galizien, Kantabrien, León, La Mancha, Andalusien, Balearen, Kanaren und viele weitere, uns unbekannte Orte.“
Das feministische Kollektiv La Furia nahm bei einer Benefizveranstaltung auf der Nachbarinsel Teneriffa 127 Euro ein. Diese Summe wurde ebenfalls den Bewohnerinnen und Bewohnern der Esperanza gespendet.

Vorbereitung auf die Pressekonferenz: Gemeinsames Transparent-Malen

„Unser Bedürfnis ist stärker als dein Gesetz“ steht auf dem Transparent.

In einer Presse-Konferenz am Montag berichteten die Sprecherinnen der Esperanza von ihrer dramatischen Lage: 200 Menschen, über die Hälfte davon Kinder und Jugendliche, ohne Wasser und Strom. Sie verdeutlichten jedoch auch, dass sie nicht bereit seien, klein bei zu geben und erzählten von dem geplanten Kauf eines Motors. Auf dem Transparent, das über dem Tisch der Sprecherinnen hing, stand: „Weder Häuser ohne Menschen, noch Menschen ohne Häuser.“ RTVC sendete einen Beitrag zu der Pressekonferenz. Fotos von der Vorbereitung zur Pressekonferenz und der Pressekonferenz selber postete die Anarchistische Föderation auf ihrer Seite.

In einem Gespräch mit Televisión Canaria erzählte die Sprecherin Tayri Santana, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Esperanza von Anfang an klar gestellt haben, dass sie bereit seien, den verbrauchten Strom auch zu bezahlen. Allerdings sei ihrem Wunsch, einen Stromzähler anzubringen, nie nachgekommen worden. Zu den weiteren Forderungen der Esperanza gehört die Legalisierung des Wohnprojekts, reguläre Mietverträge mit sozialen, also nach den wirtschaftlichen Möglichkeiten der einzelnen gestaffelten, Mieten.

Am Mittwoch war dann endlich so weit: Die damit beauftragte Kommission der Esperanza kaufte den Motor. Er stellt sich als billiger heraus, als erwartet. Von dem übrigen Geld wurde Treibstoff gekauft und ausstehende Rechnungen bezahlt für Wasser, mit dem sie sich in der Zwischenzeit notdürftig beholfen hatten. Unter großer Freude der Bewohner wurde der Motor in die Esperanza gebracht und in Gang gesetzt. Lauter Jubel brach aus, „Es gibt wieder Wasser“ und „danke!“ wurde gerufen.

Fotos von den glücklichen Gesichtern wurde von der Anarchistischen Föderation Gran Canaria in einem Blogbeitrag veröffentlicht. Dieser Artikel, „Die Kraft der gegenseitigen Hilfe“, berichtet auch über den ganzen Verlauf der Aktion, vom abgestellten Strom, bis zur Inbetriebnahme des Motors. Es wurden auch die Rechnungen abfotografiert. Die Namen aller Spenderinnen und Spender, die nichts dagegen hatten, wurden im Anhang genannt. Und die FAGC bedankte sich:

„Dies wäre nicht möglich gewesen ohne euch, ohne all diese Menschen, hinter Abkürzungen oder einem Nickname auf dem Konto in einem sozialen Netzwerk, hinter dem es ein Gesicht gibt, Umstände und ein Herz. Von hier aus all unsere Dankbarkeit und Liebe dafür, dass ihr gezeigt habt, dass die gegenseitige Hilfe mehr als eine Parole ist. Sie ist so stark, dass sie zum eigentlichen Motor wurde, der verhindert hat, dass das größte Sozialisierungsprojekt von Wohnungen in ganz Spanien erlischt. Ihr seid die FAGC, ihr seid die Esperanza.“

Die Esperanza bedankte sich ebenfalls für die erlebte Solidarität auf ihrer Facebook-Seite:

„Hat uns das Rathaus von Guía geholfen, der Stadtrat oder die Regionalregierung der kanarischen Inseln? Hat vielleicht ein Politiker vermittelt? Oder hat vielleicht irgendeine Partei eingegriffen? NEIN. Wir haben Wasser danke der selbstlosen Hilfe der Anarchistischen Föderation von Gran Canaria (die uns ihre ganzen Fonds gegeben hat, um den Motor zu kaufen) und der 80 Spender aus aller Welt, die beigetragen haben, dass wir ihn kaufen können. Leute, die weder Stimmen noch Fotos wollen. Dies ist die Kraft der Solidarität und dank ihr HABEN WIR WASSER.“

Insgesamt kamen 3400 Euro zusammen, twitterte die Anarchistische Föderation. Die 1300 für den Motor wurden bereits der Esperanza übergeben. Die übrigen 2100 werden beim nächsten Plenum nachgereicht. In diesem Plenum wird auch darüber entschieden, wie das Geld verwendet wird. Hauptsächlich dafür, um wenigstens langfristig eine Lösung für das Problem mit dem Strom zu finden und weitere Teile der Gebäude bewohnbar zu machen.

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