Zwei Jahre nach dem Gamonal-Effekt

Zwei Jahre ist es her, dass in Gamonal (Burgos) ein städtisches Bauprojekt aufgehalten wurde durch entschlossenen Widerstand auf der Straße und eine beispiellose Solidaritätswelle in ganz Spanien. Nach einer actionreichen Woche erklärte der Bürgermeister Lacalle am 17. Januar 2014, dass das Projekt nicht durchsetzbar sei (ausführlicher Bericht).

Programm zum 2. Jahrestag

Programm zum 2. Jahrestag

Anlässlich dieses zweiten Jubiläums organisierte die aus den Protesten hervorgegangene Nachbarschafts-Versammlung von Gamonal über das Wochenende einige Veranstaltungen, unter anderem Vorträge und Gespräche mit anderen sozialen Gruppen über die staatliche Repression, eine Demonstration, ein Solidaritäts-Konzert, und ein Solidaritäts-Flohmarkt. Rafael, ein Sprecher der Nachbarschafts-Versammlung, erklärte, dass durch diese Veranstaltungen an die Wichtigkeit des Kampfes der Anwohner erinnert werden solle. Außerdem sei es ein guter Anlass, um ins Gedächtnis zu rufen, dass es immer noch Menschen gibt, die wegen der Ereignisse vor zwei Jahren unter Anklage stehen.

Aufruf zur Soli-Demo

Aufruf zur Soli-Demo

Mitglieder der juristischen Arbeitsgruppe erinnerten daran, dass sie bis jetzt über 50 Ordnungsstrafen erhalten haben, einige davon betrugen bis zu 6000 Euro. Von den Verfahren gegen Minderjährige wurden die meisten ohne weitere Konsequenzen eingestellt. Bei den Verfahren gegen die Volljährigen haben sich – wegen der drohenden hohen Strafen und der Gefahr, ins Gefängnis zu kommen – einige der Betroffenen auf Abmachungen mit der Staatsanwaltschaft eingelassen, ohne anzuerkennen, dass sie etwas illegales getan hätten. Etwa 30 Leute warten noch auf ihren Prozess und könnten noch verurteilt werden. Derzeit befindet sich niemand in Haft wegen der Aktionen in Gamonal.

Erschwerend kommt hinzu, dass zusätzlich zu den juristischen Strafen den Betroffenen noch weitere Kosten bevorstehen könnten. Die Stadtteil-Verwaltung hat in einer Ratssitzung mehrheitlich dafür gestimmt, auf Entschädigungszahlungen zu klagen, für die die während des Widerstands entstandenen Schäden. Petitionen mit der Forderung nach Begnadigung für alle Angeklagten wurden ignoriert.

Entsprechend standen die Aktivitäten zum zweiten Jahrestag stark im Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen von Repression. Am Samstag Abend zogen 100 – 300 Teilnehmer einer Solidaritäts-Demo durch Gamonal. Ihr Weg führte sie dabei auch durch die damals umkämpfte calle Victoria. Der Blog Diario de Vurgos postete ein Foto von dem Demozug:

Der Info-Account Gamonal en lucha berichtete von der Demo, dass sie trotz Knebelgesetz und Drohungen durch Polizeibeamten nicht von der Straße weichen werden:

Im Anschluss an die Demo fand ein gut besuchtes Solidaritäts-Konzert mit mehreren Bands statt in dem selbstverwalteten Nachbarschaftszentrum C. S. R. Gamonal. Ein Foto von dem Abend:

Besagtes Nachbarschaftszentrum ist eine weitere direkte Folge der Tage des Zorns in Gamonal. Die Anwohner von Gamonal forderten nach Einstellung des Bauprojekts einen Versammlungsort für ihren Stadtteil, da der ursprüngliche Ort, direkt an der Baustelle, nicht mehr nutzbar war. Als dieser Wunsch bei der Stadtverwaltung auf taube Ohren stieß, besetzten sie einfach kurzerhand ein leerstehendes Gebäude und erklärten es zu ihrem neuen sozialen Zentrum. Seitdem werden dort regelmäßig Veranstaltungen unterschiedlichster Art organisiert.

In wenigen Tagen feiert das Zentrum „zwei Jahre Selbstverwaltung und sozialer Kampf aus dem Herzen Gamonals“ mit einer Veranstaltung und kündigt auf demselben Flugzettel auch an, dass sie sich wehren werden gegen die geplante Räumung.

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Was hat sich geändert, was ist geblieben, welche Lehren könnten gezogen werden aus Gamonal?

Was sich in den zwei Jahren geändert hat, ist die Bereitschaft, den Protest auf die Straße zu tragen. 100 – 300 Teilnehmer an der Soli-Demo sind weitaus weniger als in der heißen Phase vor 2 Jahren, als teilweise Tausende vor die Polizeiwachen zogen, um dort die Freilassung der Gefangenen zu fordern. Rafael, Sprecher der Nachbarschafts-Versammlung, räumte ein, dass es schwerer geworden sei, zu mobilisieren.

Unseren Eindrücken nach ist das allerdings nicht spezifisch für Gamonal, sondern in ganze Spanien zu beobachten. Im Vergleich zu 2011, als Hunderttausende „Empörte“ (indignados) die zentralen Plätze der Städte besetzten, ist es merklich ruhiger geworden. Sei es nun aus Erschöpfung oder Resignation, sei es aus Angst vor den letztes Jahr erlassenen Knebelgesetzen, sei es, weil die neue linke Partei Podemos all den Zorn über die herrschenden Zustände und die Kraft der Straßenmobilisierung absorbiert hat, um sie wirkungslos in Parlamenten verpuffen zu lassen.

Geblieben ist – neben dem verhinderten Projekt, dem sozialen Zentrum und der Solidaritäts-Bewegung für die Repressions-Opfer – die Erinnerung daran, dass die spanische Regierung im Januar 2014 wegen eines Bauprojekts von maximal lokaler Bedeutung beinahe mit dem Rücken an den Seilen stand, als die Solidaritätswelle für Gamonal und die Begeisterung für den dortigen entschlossenen Widerstand Spanien erfasste und sich kettenreaktionsartig ausbreitete, je mehr Festnahmen und Polizeigewalt es bei den Solidaritäts-Demos gab. Dieser Gamonal-Effekt (efecto Gamonal), wie er damals genannte wurde, verlieh dem Zorn über das alltägliche kapitalistische Elend wie Arbeitslosigkeit und Zwangsräumungen noch mal wahrnehmbare Gestalt, als die Protestbewegung 15M der indignados bereits wieder am Abebben war.

Geblieben ist die Erinnerung daran, was möglich ist, wenn Menschen sich basisdemokratisch und ohne Parteien organisieren, wenn sich Radikale und Bürgerliche nicht voneinander abgrenzen, sondern solidarisch agieren oder wenigstens Toleranz an den Tag legen, statt Denunziation, wenn es um unterschiedliche Aktionsformen geht.

Eine Lehre könnte die Erkenntnis der Notwendigkeit sein, hin und wieder Erinnerungen aufzufrischen an gewonnene Kämpfe, um so das Gefühl der Ohnmacht in der Gegenwart zu überwinden.

Der zweite Jahrestag von Gamonal hat sicher dazu beigetragen, wieder ins Gedächtnis zu rufen, was damals war und wie wichtig es ist, die Solidarität mit von Repression Betroffenen nicht enden zu lassen, wenn ein Thema aus den Schlagzeilen, ein Hashtag aus den Trending Topics auf Twitter verschwunden ist.

Quellen:

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2 responses to “Zwei Jahre nach dem Gamonal-Effekt”

  1. bodenfrost says :

    Das Presse-Interesse an Gamonal hat spürbar abgenommen. Ausgerechnet die Zeitschrift Interviú aber hat anlässlich des zweiten Jahrestags Anwohner des Stadtteils befragt: http://www.interviu.es/reportajes/articulos/gamonal-hogueras-sin-apagar

  2. bodenfrost says :

    Ein ausführlicher Text (auf spanisch) über den Stand der Repression aufgrund der Ereignisse vom Januar 2014:
    https://gamonalniunpasoatras.wordpress.com/2016/01/22/gamonalsigue-habla-el-grupo-de-apoyo-a-encausadas/

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